Zusammenfassung
Stuhlinkontinenz ist ein Symptom verschiedener Erkrankungen oder Schädigungen, definiert durch eine Störung des Stuhlhalteapparates. Klinisch wird zwischen Dranginkontinenz (wahrgenommener, aber nicht kontrollierbarer Stuhldrang) und passiver Inkontinenz (unbemerkter Stuhlabgang) unterschieden. Die Diagnose basiert primär auf der Anamnese und der körperlichen Untersuchung, einschließlich einer digital-rektalen Untersuchung. Weiterführende Diagnostik wie bspw. anorektale Manometrie kann vor einer Zweitlinientherapie erwogen werden. Die Erstlinientherapie umfasst Aufklärung, Verhaltens- und Ernährungsberatung, Beckenbodentraining und Medikamente wie stuhlandickende Mittel oder Antidiarrhoika. Bei unzureichendem Ansprechen kommen Zweitlinientherapien wie die posteriore Tibialisnervstimulation, die Sakralnervenstimulation oder die Anlage eines Deviationsstomas in Betracht.
Definition
- Keine international etablierte Definition
- Rome-IV-Kriterien: Regelmäßiger unkontrollierter Abgang von Stuhl [1]
- Dauer über ≥3 Monate
- Im Alter von ≥4 Jahren
- Deutschsprachige medizinische Gesellschaft für Paraplegiologie: Unfähigkeit, den Abgang von Darminhalt zu kontrollieren [2]
- Grad I: Abgang von Darmgasen
- Grad IIa: Abgang schleimiger Darmesekrete
- Grad IIb: Stuhlschmieren
- Grad III: Abgang von dünnem Stuhl
- Grad IV: Abgang von festem Stuhl
- Rome-IV-Kriterien: Regelmäßiger unkontrollierter Abgang von Stuhl [1]
- Varianten
Epidemiologie
- Prävalenz: Schätzungsweise 7,7%
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Strukturelle Schäden und postoperative Dysfunktionen
- Geburtshilfliche Verletzungen des Analsphinkters
- Läsionen oder strukturelle Defekte des Schließmuskels
- (Postoperative) anorektale Funktionsstörungen
- Neurologische Ursachen
- Läsion von zerebralen Strukturen, Rückenmark oder Beckennerven
- Neurodegenerative Erkrankungen
- Angeborene anorektale Fehlbildungen
Diagnostik
- Anamnese
- Stuhlanamnese (Frequenz, Konsistenz, Aussehen)
- Schweregrad der Symptome
- Bisherige Behandlung
- Bei Frauen: Geburtshilfliche Anamnese
- Inspektion und Palpation der anorektalen Region inkl. DRU
- Konsistenz des Stuhls im Analkanal
- Analtonus in Ruhe und bei willkürlicher Anspannung
- Ausschluss relevanter Erkrankungen, die mit anhaltenden Diarrhöen einhergehen
- Weiterführende Diagnostik
- Anorektale Manometrie
- Sensorische Testung
- Endoanaler Ultraschall
- Defäkografie
- Becken-MRT
Therapie
Konservative Maßnahmen
- Aufklärung (zum Verständnis der Erkrankung)
- Verhaltensempfehlungen, bspw.
- Toilettenroutine
- Stuhltraining
- Gewichtsreduktion
- Rauchentwöhnung
- Ernährungsberatung
- Ausreichende Wasser- und Ballaststoffzufuhr
- Reduktion von Koffein
- Low-FODMAP-Diät
- Beckenbodentraining (mit oder ohne digitale bzw. instrumentelle Unterstützung oder Biofeedback)
- Pharmakotherapie (individuelle Dosierung!)
- Bei flüssigem Stuhl
- Stuhlandickende Mittel: Bspw. gemahlene Flohsamenschalen
- Antidiarrhoika: Bspw. Loperamid
- Bei paradoxer Diarrhö: Siehe Basistherapeutika bei Obstipation
- Bei flüssigem Stuhl
- Unterstützende Maßnahmen
- Barrierecremes zur Prävention und Behandlung von inkontinenzassoziierter Dermatitis: Bspw. Zinkoxid-Cremes
- Aufsaugende Hilfsmittel, siehe: Spezielle Hilfsmittel bei Stuhlinkontinenz
Als Erstlinientherapie sollen konservative Maßnahmen eingeleitet werden!
Invasive Maßnahmen
- Nicht-chirurgische Maßnahmen
- Chirurgische Maßnahmen
- Sakralnervenstimulation: Insb. bei neurologischen Grunderkrankungen, postoperativen anorektalen Funktionsstörungen
- Ggf. anale Sphinkterplastik: Bei nachweislichem Defekt des Schließmuskels
- Ggf. Anlage eines Deviationsstomas: Bei ausdrücklichem Patientenwunsch
Invasive Maßnahmen können als Zweitlinientherapie nach frustranen konservativen Maßnahmen erfolgen!
Komplikationen
- Psychosoziale Auswirkungen
- Einschränkungen des Alltags und der sozialen Teilhabe
- Bewältigungsverhalten
- Depression
- Scham
- Inkontinenzassoziierte Dermatitis
Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
- R15.-: Stuhlinkontinenz
- Inklusive: Enkopresis Enkopresis o.n.A.
- Exklusive: Nichtorganische Enkopresis (F98.1)
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.